Der wilde Wald

Der Bayerische Wald war Deutschlands erster Nationalpark – diesen Oktober feiern wir sein 50-jähriges Bestehen. Wie hat sich der Wald in dieser Zeit entwickelt? Und was können wir daraus für die Zukunft aller anderen Wälder Bayerns lernen? Ein Gastbeitrag von Nationalpark-Leiter Dr. Franz Leibl

Als am 7. Oktober 1970 der Nationalpark Bayerischer Wald feierlich eröffnet wurde, waren seine Ziele nicht konkretisiert und die Nationalparkphilosophie „Natur Natur sein lassen“ noch unausgesprochen. Erst mit dem Sommersturm 1983, als 64 Hektar Wald in der Naturzone zu Boden geworfen wurden, bekannten sich Politik und Verwaltung ohne Wenn und Aber dazu, in diesen Wäldern natürlich ablaufenden Prozessen Vorrang gegenüber Forstwirtschaft und Waldgestaltung durch den Menschen einzuräumen.

Nationalpark-Leiter Dr. Franz Leibl, Foto: Daniela Blöchinger

Seit dieser Zeit entwickeln sich Wälder des Nationalparks ohne Zutun des Menschen ausschließlich nach den Gesetzen der Natur. Dieses Prinzip gilt heute für gut 72% der Nationalparkfläche, also für etwa 17.500 Hektar. Dabei entstehen Naturwälder, die sich deutlich von unseren herkömmlichen Wirtschaftswäldern unterscheiden und bereits auch Merkmale von europäischen Urwäldern aufweisen. Bäume dürfen hier wachsen, alt werden und natürlich auch sterben.

Naturwald wird älter und passt sich den Klimaveränderungen an

Während das durchschnittliche Waldalter der Wirtschaftswälder bei etwa 77 Jahren liegt, sind im Nationalpark Bayerischer Wald ältere Waldbestände mit 150- bis 200-jährigen Bäumen keine Seltenheit. An ausgewählten Standorten finden sich sogar Baumindividuen, deren Alter zwischen 400 bis 600 Jahren liegt. Kennzeichnend für den Nationalpark Bayerischer Wald ist die Tatsache, dass er auf seiner Fläche alle Waldentwicklungsphasen aufweist, beginnend von der Verjüngung bis hin zur Zerfallsphase. Dabei können wir auch beobachten, wie sich junge Bäume und ganze Wälder natürlicherweise an die aktuellen Klimaveränderungen anpassen – im Nationalpark gewinnen wir so Erkenntnisse, die auch für die Wirtschaftswälder von großem Nutzen sind.

Hotspot der Artenvielfalt

Durch diese natürliche Waldentwicklung auf großer Fläche hat sich der Nationalpark Bayerischer Wald außerdem zu einem Hotspot der Artenvielfalt entwickelt. Zwischenzeitlich konnten gut 10.800 Arten bestimmt werden, darunter alleine knapp 2400 Pilz- und 7200 Tierarten, wobei vor allem das Vorkommen mehrerer Urwaldreliktarten die ökologische Qualität der Nationalparkwälder unterstreicht. Auch die ursprüngliche Großsäuger-Tierwelt europäischer Mittelgebirge beginnt sich zu komplettieren. Luchse durchstreifen seit Mitte der achtziger Jahre regelmäßig das wilde Waldgebirge und seit 2015 leben auch einzelne Wölfe wieder im Nationalpark. Selbst durchwandernde Elche lassen sich gelegentlich beobachten.

„Natur Natur sein lassen“

Das Nationalparkkonzept „Natur Natur sein lassen“ wird heute von den Menschen mehrheitlich positiv gesehen. 2019 hatten wir gut 1,4 Millionen Gäste, die Ruhe und Erholung, aber auch ein besonderes Naturerleben suchten. Damit wird der Nationalpark auch zum Motor für die Tourismusentwicklung in der Region. Sein regional-ökonomischer Effekt liegt aktuell bei einer Nettowertschöpfung von 26 Millionen Euro pro Jahr. Nach langjährigen konträren Diskussionen steht die lokale Bevölkerung inzwischen zu ihrem Nationalpark: 86% der Einheimischen sprachen sich in einer Studie für das Bestehen ihres Nationalparks aus.

Dank des großen Engagements politisch Verantwortlicher und einer Verwaltung, die mit vielen guten Ideen diesen Nationalpark ein halbes Jahrhundert begleitet hat, ist der Nationalpark Bayerischer Wald ein Leuchtturm- und Vorzeigeprojekt des Naturschutzes weit über Bayern hinaus geworden. Von seiner natürlich gewachsenen ökologischen Vielfalt und Widerstandskraft können unsere Wirtschaftswälder gerade für ihre notwendige Anpassung an die Klimaerhitzung nachhaltig profitieren. „Natur Natur sein lassen“ liegt daher im Interesse der gesamten Gesellschaft.

Foto: Franz Schuster

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