Tourismus

Immer besser statt immer mehr: Reisen nachhaltig machen

Beschluss vom Landesausschuss am 12.12.2020

Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur für den Tourismus. Die Tourismusbranche in Deutschland und in Bayern ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 2019 vermeldete der Tourismus das zehnte Rekordjahr in Folge. Die wirtschaftlichen Einschnitte infolge der Pandemie sind nun aber dramatisch: Die Umsatzeinbußen der Branche gehen in die Milliarden. Unzählige touristische Unternehmen haben bereits aufgegeben oder sind in existentieller Not. Tausende insbesondere geringfügig Beschäftigte haben ihre Arbeitsstellen verloren, hunderttausende Beschäftigte sind in Kurzarbeit. Auch wenn es einzelne Lichtblicke gibt – beispielsweise in der Campingbranche – ist klar: Die Tourismusbranche insgesamt wird sich nach der monatelangen Corona-bedingten Zwangspause nicht schnell erholen. Notwendige Hygienemaßnahmen erlauben für viele nur ein eingeschränktes Angebot – auf nicht absehbare Zeit. Es ist auch völlig offen, wann ausländischen Gäste, eine für viele Destinationen und touristische Angebote wichtige Gruppe, wieder in gewohnter Anzahl einreisen werden.

Deswegen waren und sind die umfassenden Corona-Hilfen des Bundes und des Freistaats zwingend notwendig, um die Tourismusbranche in der dramatischen Situation des Pandemie-bedingten Shutdowns zu unterstützen und Verbraucher*innen, Tourismusunternehmen und Reiseregionen zu entlasten. Wir Grüne setzen uns sogar für weitergehende finanzielle Hilfen für den Tourismus ein, beispielsweise durch zusätzliche Unterstützung für Solo-Selbstständige oder in Form eines Rettungsfonds, der zunächst aus Bundesmitteln finanziert und nach der Krise von den unterschiedlichen touristischen Unternehmen wieder gefüllt werden soll. Von dieser passgenauen Lösung würden insbesondere Reisebüros und Reiseveranstalter profitieren, die in den letzten Monaten nicht nur ausbleibende Provisionen, sondern sogar einen negativen Cashflow beklagten. Klar ist für uns aber auch: Die Corona-Hilfen sind kein Freifahrtschein für ein „Weiter so“.

Trotz der verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen ist die Corona-Pandemie auch eine Chance für den Tourismus. Als beliebtestes Bundesland bei inländischen und ausländischen Tourist*innen hat Bayern vor der Pandemie mit 20 Prozent den größten Anteil zur touristischen Wertschöpfung in Deutschland beigetragen. Wir wollen, dass die Tourismusbranche in Bayern zu dieser Stärke zurückkehrt – wenn auch auf einem anderen Weg. Der wochenlange Shutdown hat Einheimischen auch den Unterschied ihrer Heimat mit und ohne massenhaften Tourismus deutlich vor Augen geführt und so den Wunsch nach einem sanften und soziokulturell verträglichen Tourismus verstärkt. Gleichzeitig entdeckten viele Menschen die Schätze der Natur und suchten Ruhe und Erholung „daheim“ statt in der Ferne. Jetzt können die Weichen neu gestellt werden – weg von „immer mehr“ und einem einseitigen Fokus auf Übernachtungsrekorde hin zu einem nachhaltigen Tourismus. Uns geht es um ganzjährige Auslastung von Infrastruktur statt kurzzeitiger Spitzen. Uns geht es um ein gesundes Miteinander von Mensch und Natur, von Einheimischen und Besucher*innen.

Der Tourismus braucht einen Paradigmenwechsel. Freizeit, Erholung und Urlaub sind überaus wichtig. Reisen entspannt nicht nur. Es bildet auch. Die Menschen wollen raus aus den eigenen vier Wänden, sie wollen an die frische Luft, sich erholen und neue Energie tanken und sie wollen Neues und Anderes entdecken. Tourismus darf aber nicht auf Kosten von Mensch, Natur und Klima gehen. Der bayerische Tourismus ist nur dann zukunftsfähig, wenn er Akzeptanz vor Ort schafft und unsere Regionen stärkt. Wir brauchen einen Wandel zum sanften, nachhaltigen Tourismus, der die ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen berücksichtigt. Ressourcenschonung, lokale Wertschöpfung und faire Arbeitsbedingungen müssen die Grundpfeiler eines zukunftsfähigen Tourismus sein.

Tourismus in die Breite tragen und Akzeptanz vor Ort schaffen

Bisher wird touristischer Erfolg an der Quantität gemessen. Immer weiter steigende Ankunfts- und Übernachtungszahlen werden als Erfolge verbucht. Doch die Zunahme von Konflikten, besonders an touristischen Hotspots in den Städten und im Alpenraum, zeigt: Steigende Gästezahlen sind nicht alles.

Statt dieser Konflikte wollen wir den Tourismus in die Breite tragen. Bayern ist vielfältig und bietet viele schöne Ecken! Wir könnten das touristische Potential vor Ort viel besser nutzen. Dabei hilft eine kluge Besucher*innenlenkung, die den Tourismus entzerrt und den Fokus auf alternative Reiseziele und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten in der Region lenkt. Wir sollten die Menschen dazu ermutigen, weniger häufig, dann aber länger zu verreisen. Genuss und Erholung statt hektischer Kurztrips.

Ein in die Breite getragener, nachhaltiger Tourismus stärkt unsere Regionen und schafft lokale Wertschöpfung, auch in strukturschwachen und ländlichen Regionen. Denn nachhaltiger Tourismus stärkt die einheimische Produktion, die regionale Kultur und unterstützt lokale Unternehmen. Hotels und Unterkünfte können ihre Lebensmittel regional beziehen, Reisende können die Veranstaltungen der ortsansässigen Vereine besuchen, Souvenirgeschäfte können die Produkte des lokalen Handwerks verkaufen.

Gleichzeitig brauchen auch die lokalen, kleinen und mittelständischen Tourismusunternehmen Unterstützung, etwa wenn es darum geht, Barrierefreiheit auszubauen, oder auch bei der Digitalisierung. Digitalisierte Prozesse können nicht nur dazu beitragen, Bürokratieaufwand zu senken, sondern auch eine gezielte Besucher*innenlenkung ermöglichen, die Wertschöpfung optimieren und somit touristische Destinationen zukunftssicher machen. Wir müssen auch diejenigen gezielt stärken, die häufig unter dem Radar bleiben, aber so wichtig für die touristischen Strukturen in unseren Regionen sind: Zum Beispiel Jugendherbergen, Schullandheime oder Gästeführer*innen. Für den Wandel zum nachhaltigen Tourismus sind finanziell gut ausgestattete und handlungsstarke Kommunen ausschlaggebend. Denn nur gut ausgebaute Freizeit- und Kulturangebote wie Schwimmbäder, Parkanlagen, Museen und Theater in unseren Städten und Gemeinden steigern die Attraktivität alternativer Reiseziele abseits der Tourismus-Hotspots, und gleichzeitig profitieren auch die Bürger*innen in den Regionen.

Nachhaltiger Tourismus wird vor Ort akzeptiert. Er fügt sich harmonisch in die bestehenden Strukturen ein und zwingt sich Einheimischen nicht auf. Nachhaltiger Tourismus fördert das Miteinander zwischen Einheimischen und Reisenden. Beide Gruppen profitieren voneinander. Nachhaltiger Tourismus steigert die Lebensqualität der Einheimischen. Deswegen ist es nur der erste Schritt, den Tourismus in die Breite zu tragen. Insbesondere für Tourismus-Hotspots ist es wichtig, wirksam zu verhindern, dass knapper Wohnraum zu Ferienwohnungen zweckentfremdet und somit weiter reduziert wird.

Auch die Beschäftigten in der Tourismusbranche, insbesondere im Hotel- und Gastgewerbe, dürfen nicht vergessen werden, wenn es darum geht, Tourismus vor Ort zu akzeptieren und die Lebensqualität der Einheimischen zu steigern. Die Beschäftigten brauchen faire Arbeitsbedingungen und ausreichend bezahlbaren Wohnraum. Neben sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen und angemessenen Löhnen muss auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht werden – trotz herausfordernder Arbeitszeiten.

Umweltfreundliche Mobilität fördern und Ressourcen schonen

Nachhaltiger Tourismus ist umweltschonend – bei der An- und Abreise sowie der Mobilität vor Ort. Umweltfreundliche touristische Mobilität ist bequem, preisgünstig und verlässlich. Für eine umweltfreundliche An- und Abreise muss das Nachtzugnetz wiederbelebt und europäisch ausgebaut werden. Die Reisenden in Bayern sollen nicht auf ein eigenes Auto angewiesen sein – weder in der Stadt noch im ländlichen Raum. Deswegen brauchen wir eine nahtlose Verknüpfung von Schienenfernverkehr und Fernbus, Fahrrad, öffentlichem Nahverkehr und neuen Mobilitätsangeboten. Wir Grüne wollen, dass der Freistaat beim Regionalverkehr auf der Schiene touristische Bedarfe stärker berücksichtigt. Und wir fordern, Kommunen bei der Erarbeitung und Umsetzung passender, umweltfreundlicher Mobilitätslösungen zu unterstützen. Dazu gehören ein zuverlässiger Nah- und Fernverkehr, Sharing-Angebote wie Leihräder, E-Roller und E-Autos – nicht nur in Ballungszentren, sondern insbesondere im ländlichen Raum. Gut ausgebaute Mobilitätsangebote sind entscheidend, wenn Menschen das Auto stehen lassen und trotzdem neue Orte in Bayern entdecken wollen.

Attraktiver öffentlicher Nahverkehr ist zeitgemäß, modern und digitalisiert. Das gilt auch für die Infrastruktur: Neben Zügen und Bussen müssen auch Bahnhöfe und Bushaltestellen barrierefrei werden. Tarifsysteme müssen nicht nur einfacher werden, sie müssen sich auch mit anderen umweltfreundlichen Mobilitätsangeboten wie Leihrädern einfach kombinieren lassen und überregional gültig sein. Tickets und Fahrpläne müssen online gekauft und eingesehen werden können. Für eine umweltschonende Reisevorbereitung müssen auch Informationen einfach zugänglich sein. Zusammen mit einer attraktiven Preisgestaltung wird dadurch das Umsteigen vom Auto auf den ÖPNV unterstützt.

Insbesondere in den Großstädten und Ballungsräumen machen Geschäftsreisende einen großen Anteil an der touristischen Wertschöpfung aus. In Corona-Zeiten ist der Messe-, Kongress- und Geschäftstourismus weitgehend zum Erliegen gekommen. In dieser Zeit der Unsicherheit müssen wir Messestandorte dabei unterstützen, das Segment zu erhalten. Doch auch hier ist eine Transformation möglich und wichtig: Messestandorte sind in der Regel gut ans Bahnnetz angeschlossen. Die Anreise mit dem Flugzeug ist oft unnötig, ökologisch verheerend und sollte wo immer möglich vermieden werden. Wir brauchen für Geschäftsreisende keine weiteren Startbahnen oder Subventionen für den Flugverkehr, sondern ein attraktives, schnelles europäisches Schienennetz und eine komfortable Bahn-Infrastruktur, die entspanntes und gleichzeitig klimafreundliches Reisen erleichtert und erschwinglich macht.

Auch der schonende und effiziente Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist Bestandteil eines zukunftsfähigen Tourismus – nicht nur bei der Mobilität, sondern auch bei Unterkunft und insbesondere bei der Verpflegung. Müll, Einweggeschirr und -besteck müssen so weit wie möglich vermieden werden. Plastikverpackungen müssen auf das Nötigste begrenzt werden. Auch mit unbebauten Flächen muss schonend umgegangen werden.

Naturtourismus stärken und umweltschädlichen Tourismus transformieren

In Pandemie-Zeiten, in denen die Gesundheit besonders gefährdet ist, zeigt sich ein Trend zum gesundheitsfördernden Naturtourismus. Die Nachfrage nach Radfahren, Wandern, Kanutouren, Klettern oder einfachen Aufenthalten in der Natur ist in Corona-Zeiten riesig. Naturtourismus kann sich positiv auf die Gesundheit der Reisenden auswirken, sollte aber auch förderlich für Umwelt und Klima sein. Der Trend zu Rad-, Wander- oder Campingurlauben in Pandemie-Zeiten bietet die Chance, Naturtourismus als nachhaltige und zukunftsfähige Reiseform auch langfristig durch entsprechende Förderung zu stärken. Dafür müssen insbesondere die Radwege deutlich stärker ausgebaut werden.

Doch je mehr Menschen in die Natur strömen und sensible Ökosysteme besuchen, ist es gleichzeitig umso wichtiger über ökologische Schätze aufzuklären, zu sensibilisieren und Besucher*innen zu lenken. Nutz- und Schutzzonen müssen etabliert und durchgesetzt werden. Umweltbildung stellt eine tragende Säule eines naturnahen Tourismus dar. Um das immer beliebtere Wildcampen in freier Natur einzudämmen, wollen wir legale Trekking- und Biwakplätze in geeigneten Regionen etablieren. Die bessere Förderung von Natur- und Nationalparks sowie Biosphärenreservaten unterstützt die Möglichkeiten zu Aufklärung und Sensibilisierung.

Neben dem Naturtourismus braucht auch der naturverträgliche Gesundheitstourismus beispielsweise in Gestalt von strukturierten medizinischen Angeboten (z.B. Heilbädern oder Kurorten) eine gezielte Stärkung. Denn auch der Gesundheitstourismus trägt zum Wohlbefinden und zur Gesundheit der Reisenden bei.

Wir wollen, dass auch die aktuell noch umweltschädlichen Tourismusformen im 21. Jahrhundert ankommen. Flusskreuzfahrtschiffe beispielsweise müssen an bayerischen Anlegern konsequent Landstromkabelversorgung bekommen und perspektivisch komplett auf erneuerbare Antriebsformen umgestellt werden. Im Wintertourismus beenden wir die Förderung von weiteren Beschneiungsanlagen. Statt an der Vergangenheit zu klammern und mit Steuergeldern Anreize für millionenschwere Abhängigkeiten zu schaffen, wollen wir unsere Tourismus-Destinationen auch in Zeiten des Klimawandels zukunftssicher aufstellen.

Grüne Förderpolitik setzt auf umweltverträgliche und ressourcenschonende Tourismusangebote. Grüne Politik schafft Lösungen, die Gäste und Einheimische versöhnen. Grüne Politik schützt die Natur, aber macht sie für alle in unserer Gesellschaft erlebbar. Grüne Politik setzt auf Regionalität und entspanntes Reisen. Kurz: Wir wollen, dass Urlaub das ist, was er sein sollte: Entspannung, Kraft tanken und wundervolle Erlebnisse – heute und in der Zukunft!

Beschluss als PDF

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