Zum 10. Todestag am 18. August

Gell, da schaugst!

Erinnerungen an Sepp Daxenberger von Theresa Schopper

Zehn Jahre ist es nun schon her, dass Sepp Daxenberger gestorben ist. Doch für viele aus der grünen Partei und weit darüber hinaus bleibt er unvergessen und in guter Erinnerung – als sei er noch immer mitten unter uns. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich dem Sepp das erste Mal begegnet bin. Es war die Aufstellung der oberbayerischen Liste für den Landtag im Januar 1990. Es ging um Platz vier, und da stand einer am Mikrofon, der mit einer mitreißenden Rede zu Umwelt und ökologischer Landwirtschaft in tiefstem Chiemgauer Dialekt den Landtag aufmischen wollte. Auch wenn ich mir sicher bin, dass einige unter den Delegierten nicht alle Wörter einwandfrei verstanden – er hatte die Herzen erobert und wurde überzeugend gewählt.

Sepp war tief verwurzelt in seinem Heimatort Waging. Er war bei der Feuerwehr, bei den Goaßlschnalzlern, beim Fußballverein – und er war bei den GRÜNEN. Zu einer Zeit, als man Grüne noch für wunderliche Weltverbesserer hielt, die aus der Atomkraft aussteigen wollten, die Ökologie auf TOP eins der Agenda hatten und die damals schon plakatierten: »Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt«, war Sepp der bodenständige Ökobauer aus Waging, der ein furioses Ergebnis bei der Landtagswahl einfuhr.

Wo der Sepp war, da wurde gelacht. Sepp war ein begnadeter Anekdoten- und Witzeerzähler – kurzum, beim Sepp saß man gerne. Doch bei aller Leichtigkeit war eines für den Sepp immer klar: Politik war für ihn nie Selbstzweck. Er wollte was verändern, er wollte Verantwortung – und so war für ihn die Kandidatur zum Bürgermeister von Waging die natürliche Folge. Sepp glaubte an einen Erfolg in Waging, wo noch keine und keiner einen Pfifferling auf grüne Wahlerfolge gesetzt hätte. Er war überzeugt: Ich werde Bürgermeister von Waging. Er lehrte die CSU das Fürchten, denn die menschliche Wärme und seine Liebe zur Heimat, aus der klare Vorstellungen davon erwuchsen, was sich politisch ändern muss, taugte einfach nicht zum grünen Schreckgespenst.

Was in Waging geht, geht auch in Bayern

Wir waren stolz, denn unser Sepp war nun der erste gewählte hauptamtliche Bürgermeister in Bayern. Der Kontakt zum Sepp riss nie ab, auch jenseits aller Wahlkämpfe fuhr ich gern nach Waging, denn die Auswirkungen von politischen Entscheidungen sieht man in der Kommunalpolitik am allerbesten. Ob im Altenheim oder im Krankenhaus von Waging, Sepp zeigte einem, was sich auf der Landtagsbühne oder in Berlin ändern sollte, was gut für seine Gemeinde wäre. Sepp war mit Leib und Seele Bürgermeister. Für uns Grüne war es deshalb ein Segen, dass er 2002 zum Landesvorsitzenden gewählt wurde. Er war der Überzeugung: Was in Waging geht, geht auch in Bayern. Nämlich Grüne an der Regierung.

Sepp war einer der Gründe, warum ich 2003 als Landesvorsitzende kandidierte. Umso schockierter war ich, als er mir auf der Rückfahrt von der Landesversammlung erzählte, er müsse in der nächsten Woche nochmals zum Doktor. Seine Blutwerte seien nicht ganz in Ordnung und es könne sein, dass er für ein paar Tage ins Krankenhaus müsse. Mir schwante damals schon, dass für Sepp harte Zeiten anbrechen. Seine Krebserkrankung nahm seinen Körper rasant in Besitz. Es folgten unzählige Therapien. Das Klinikum rechts der Isar war eine Zeit lang sein Hauptwohnsitz. Ich erinnere mich noch sehr gut, was man alles an Quarantänevorschriften einhalten musste, um zu ihm zu kommen.

Doch selbst im kargen Krankenzimmer dauerte es nicht lange, bis ein Lachen auf die Flure drang. Mit im politischen Geschehen zu sein, auch am Krankenbett noch in Entscheidungen eingebunden zu sein, mitzubestimmen, war dem Sepp auch in diesen schweren Zeiten wichtig. Es war für ihn ein Stück Therapie. An seine Zukunft zu glauben hieß, politisch weiter aktiv zu sein.

Der Wille, zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen

Jeder Genesungswunsch gab ihm ein Stück Hoffnung und bestärkte ihn im Glauben: Ich schaffe es, und ich komme zurück. Mit unbändigem Willen und einer beispiellosen Energieleistung versuchte Sepp den Krebs zu negieren. Er wollte 2008 als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl das eiserne Gesetz der absoluten Mehrheit der CSU in Bayern durchbrechen. Aber nicht nur das. Er wollte, dass wir Grünen in die Verantwortung gehen. Doch sein Traum sollte damals noch nicht in Erfüllung gehen.

Noch heute werde ich oft auf Sepp Daxenberger angesprochen und was die Wahlerfolge und die weitere Entwicklung der GRÜNEN ihm bedeutet hätten. Sein Credo, pragmatisch zu sein, ohne Schaum vor dem Mund und trotzdem klar in den Aussagen, ist mittlerweile einer unserer Markenkerne. Der Wille zu gestalten und sich nicht wegzuducken vor Verantwortung ist für Grüne selbstverständlich geworden.

Dass unsere Politik und unsere Inhalte heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, ist in Bayern nicht zuletzt der Arbeit von Sepp Daxenberger zu verdanken – und wenn es einen bayerischen Himmel gibt, sitzt Sepp auf einer Wolke und raunt rüber zum Franz Josef: „Gell, da schaugst!“


Dieser Beitrag erschien erstmals in leicht veränderter Form im Magazin zum 40-jährigen Bestehen der bayerischen GRÜNEN im Oktober 2019.

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