sozialpolitik

Bezahlbares Wohnen und mehr Grünflächen

Prof. Dr. Christiane Thalgott ist Architektin und Stadtplanerin. 15 Jahre lang leitete sie als Stadtbaurätin die Münchner Stadtplanungsbehörde. Hier schreibt sie, wie die Wohnungskrise in den bayerischen Städten aus ihrer Sicht in den Griff zu kriegen ist.

Christiane Thalgott

(c) De Gasperi

Bezahlbares Wohnen ist für das gute Leben in unserer Stadtgesellschaft unverzichtbar. Das gute Leben muss auch für die weniger zahlungskräftigen Bürgerinnen und Bürger, für Kinder- und Altenpflegerinnen, für Paket- und Postboten möglich sein. Sie werden in der Stadtgesellschaft gebraucht, ebenso wie junge Familien und weise Alte. Solchen Wohnraum kann es in München und anderen bayerischen Ballungsräumen nur mit günstigen, das heißt billigen Grundstücken geben, denn die Grundstückskosten machen in München und den Nachbargemeinden üblicherweise 50–70% der Kosten einer Neubauwohnung aus.

Nur durch konsequente Anwendung der Instrumente, die das Baugesetzbuch zur Verfügung stellt – wie städtebauliche Verträge und Entwicklungsmaßnahmen – können günstige Wohnungen entstehen. Die Gemeinden sollten deshalb alle ihre Grundstücke, ihr Tafelsilber keinesfalls veräußern, sondern besser Flächen günstig kaufen und selber entwickeln.

In der geplanten Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) Nordost in München Daglfing soll zum Beispiel ein neues Quartier mit bis zu 30.000 bezahlbaren Wohnungen entstehen, aber auch mit kleinen Gewerbebetrieben, kulturellen Einrichtungen und allem, was der Mensch so zum Leben braucht: Kindergärten, Altentreffs, Gastwirtschaften, Schulen, Parks und gutem öffentlichen Nahverkehr.

Die Stadt München muss den etwa 600 Eigentümern die Grundstücke abkaufen, und zwar zu dem heutigen, nicht durch Spekulation bestimmten Wert für landwirtschaftliche Fläche oder niedriges Bauerwartungsland, soweit sie die Flächen für die Entwicklung des Stadtquartiers benötigt. Außerdem muss die Stadt den Bauern bei Bedarf bei der Beschaffung von landwirtschaftlichem Ersatzland helfen. Dann muss das Quartier entwickelt und die Grundstücke so günstig an Bauherrschaften – wie Genossenschaften, städtische Wohnungsgesellschaften und ähnliche – vergeben werden, dass auf Dauer Mieten von 6,80–11,00 Euro pro Quadratmeter entstehen können. Das könnten wirklich viele Wohnungen für viele Menschen werden.

Jeder mehr gezahlte Euro an Grundstückskosten erhöht die späteren Mieten. Deshalb sollte die Stadt nicht Zögern oder Zaudern, auch wenn dortige Nachbarn protestieren, die selbst vor 30 Jahren in die Gegend gezogen sind, weil sie für immer inmitten von Grünflächen wohnen möchten, und auch wenn die Landwirte gerne zu märchenhaften Millionenbauern würden. Der neue Stadtteil ist eine Chance für die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner, heute und morgen und übermorgen.

Um für den Klimawandel gerüstet zu sein, braucht es genug Grün- und Freiflächen in der Stadt. In München sind das große wie der Englische Garten oder der Park in Riem und kleinere wie der Domagk-Park. Aber es braucht auch einzelne große Bäume in Hausgärten. Straßenbäume und Grünstreifen sind wichtig für das Stadtklima, und sie sind schön!

Und warum lassen wir eigentlich zu, dass Menschen ihr privates Auto im öffentlichen Raum auf den Parkplätzen an der Straße abstellen? Jeder Pkw braucht 2,5 x 5 Meter, also 12,5 Quadratmeter wertvollen Platz. Zum Vergleich: Ein Quadratmeter innerstädtische Baufläche kostet in München etwa 5000 Euro. Mein Bett, meinen Schrank darf ich dort auch nicht hinstellen – warum eigentlich mein Auto? Und das fast umsonst, trotz der hohen Bodenpreise.

Wie wäre es, dort stattdessen Bäume und Wiese zu pflanzen? Vielleicht hin und wieder auch ein Mikrohaus gegen die Wohnungsnot aufzustellen? Das gäbe Versickerungsflächen und viele schöne Grünflächen in der Stadt – gerade in den dicht bebauten Gebieten – und einige neue Mikrowohnungen. Auf geht’s: Fangen wir an, für mehr Grün und Gerechtigkeit aufzuräumen!


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