"Was man liebt, betoniert man nicht"
Dieter Janecek im Gespräch mit FOCUS Online (04.08.2010):
Der bayerische Grünen-Chef Dieter Janecek ist Wortführer der „Nolympia“-Kampagne in München und Garmisch-Partenkirchen. Im FOCUS-Online-Interview erklärt er, warum er die Bewerbung für blamabel hält.
<br />FOCUS Online: Herr Janecek, sind Sie ein Sportmuffel?<br /><br />Dieter Janecek: Ich kann mich sehr für Sport begeistern und bin trotzdem gegen diese Bewerbung für olympische Winterspiele 2018. Eine ökologisch so sensible Region über Jahre mit Baumaßnahmen für ein solch überdimensioniertes Event von wenig Wochen auszurichten, hat für mich wenig zu tun mit respektvollem Naturerlebnis und verträglichem Breitensport. Oder um mit Gerhard Polt zu sprechen: Was man liebt, betoniert man doch nicht.<br /><br />FOCUS Online: Ist es nicht sehr provinziell, wenn ein Weltereignis am Widerstand einiger Bauern und Grundeigentümer im Alpenvorland scheitern könnte?<br /><br />Janecek: Es sind nicht nur Landwirte und Grundstücksbesitzer, die sich wehren. In Oberammergau haben wir mit dem Bündnis Nolympia Unterschriftslisten für ein Bürgerbegehren ausgelegt. Innerhalb einer Woche haben sich knapp 20 Prozent der Bevölkerung eingetragen, dann wurde der Standort gestrichen. So ist die Stimmung. Es herrscht große Unzufriedenheit. Dass alle mit Begeisterung auf Olympia 2018 warten, das trifft einfach nicht zu.<br /><br />FOCUS Online: Auch wenn man inzwischen einräumt, dass die Kommunikation mit den Betroffenen nicht perfekt war: Läuft Bayern nicht Gefahr, sich vor der Weltöffentlichkeit zu blamieren, wenn die Bewerbung scheitert?<br /><br />Janecek: Diese Bewerbung ist bereits eine Blamage für uns in Bayern. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Tatsache ist doch, dass entgegen der Propaganda der Bewerbergesellschaft gerade mal gut die Hälfte der benötigten Sportstätten überhaupt vorhanden ist. Tatsache ist, dass über die Köpfe der Menschen hinweg geplant wird mit einem Höchstmaß an Arroganz und Überheblichkeit. Da stimmt einfach vieles nicht und ist intransparent, die Finanzierung ist nicht geklärt, es drohen hohe Risiken für die Kommunen, Garmisch ist bereits hoch verschuldet. Im Berchtesgadener Land kämpfen die Menschen um den Erhalt ihrer Kreiskrankenhäuser, gleichzeitig sollen Millionen in die Modernisierung der Bobbahn gesteckt werden, für eine Sportart, die weltweit von wenigen Dutzend Polizei- und Bundeswehrsportlern betrieben wird. Tatsache ist, dass bereits in der Bewerbungsphase der Steuerzahler die meisten Kosten tragen wird. Trotz der hohen Dichte an Dax-Unternehmen in München ist anscheinend kaum ein privates Unternehmen bereit, sich zu engagieren.<br /><br />FOCUS Online: Dass Olympia einer Region viel bringen kann, hat München 1972 erlebt. Auch Garmisch könnte doch jahrzehntelang profitieren.<br /><br />Janecek: Das waren Sommerspiele, insofern hinkt der Vergleich. In dem Fall war es insgesamt eine sinnvoll Investition, da zum Beispiel Modernisierungen wie das U- und S-Bahn-Netz schneller angeschoben werden konnten. Aber was wenig bekannt ist: Auch München hat nach 1972 noch jahrelang Schulden abbezahlt. In London, wo 2012 die Sommerspiele stattfinden, sagt die Sportministerin jetzt: „Wenn wir die Kosten geahnt hätten, hätten wir es nicht gemacht.“ Man muss das unter Nachhaltigkeitsaspekten betrachten. Es gibt wenige Wochen ein rauschhaftes Fest, dann folgt der große Kater – und der ist dauerhaft. Zurück bleiben wie in Vancouver oder Turin hoch verschuldete Kommunen, verbrauchte Natur und teure Sportstätten, für die keine Nachnutzung ersichtlich ist. Die steuerfreien Gewinne erhält das IOC sowie ein paar Handvoll Sportfunktionäre.<br /><br />FOCUS Online: Wäre Olympia kein tolles Konjunkturprogramm für die Region?<br /><br />Janecek: Für die Bauindustrie mit Sicherheit, weil sie viele sinnlose Sportstätten und Mediendörfer auf Buntwiesen und Grüngürtel bauen könnte. Aber was hat man davon, wenn man ab 2019 in einer olympischen Retortenstadt lebt? Und niemand würde wegen einer zweiten Skisprungschanze in Garmisch Urlaub machen. Fragen Sie mal, ob heute noch irgendjemand den Austragungsort der alpinen Ski-Wettbewerbe oder Biathlon-Austragungen rund um Turin 2006 weiß. In Oberstdorf sind nach der Nordischen Ski-WM 2005 die Touristenzahlen eingebrochen. Und man bedenkt nicht, dass in Zeiten des Klimawandels auch in den Alpenregionen der Schwerpunkt des Tourismus heute bereits auf der Sommersaison und Naturerlebnis liegt. Der Ski-Tourismus macht selbst in Garmisch nur noch einen Bruchteil der Einnahmen aus.<br /><br />FOCUS Online: Kann man als bayerischer Grünen-Politker, der absehbar vielleicht auch mal in den Bundestag strebt, mit einer Nolympia-Kampagne Punkte beim Wähler machen? 70 Prozent der Bürger sind für Olympia in Bayern.<br /><br />Janecek: Wenn ich mich danach richten würde, müsste ich nur populäre Politik machen. Es geht um eine Sache, die ich für richtig halte. Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, Kritik am Projekt Olympia 2018 zu äußern, sind wir noch von vielen verlacht worden. Angeblich lagen nach Angaben der Bewerber die Zustimmungsraten damals nahe 90 Prozent. Heute sind wir auf Augenhöhe und die Bewergesellschaft ist stark in die Defensive geraten. Entscheidend ist, dass wir auf nachhaltige Entwicklung dringen und die Heimat erhalten wollen. Da beeindrucken mich Umfragewerte wenig, zumal es bislang keine unabhängigen Erhebungen gibt.<br /><br />FOCUS Online: Ihre Partei spricht hier aber nicht mit einer Stimme. Die Münchner Grünen sind für Olympia.<br /><br />Janecek: Auf Landesebene ist das Votum eindeutig. Auf der Münchner Ebene, das ist richtig, gibt es eine Orientierung pro Olympia. Ich will das gar nicht bewerten, es ist für mich auch nicht immer leicht, damit umzugehen. München hat tendentiell eine andere Meinung, eine andere Perspektive, das ist nun mal so. Das stört mich auch nicht weiter. Aber in den betroffenen Regionen vor Ort finden Sie keinen Grünen, der für die Spiele ist. Ich bin gespannt, wie das Bürgerbegehren ausgeht.<br /><br />FOCUS Online: Haben Sie sich 2006 nicht über die Fußball-WM in Deutschland gefreut?<br /><br />Janecek: Ja, im Gegensatz zu Olympia 2018 war das auch eine insgesamt sinnvolle Investition. Man hat bestehende Stadien modernisiert. Dass ein Fußballstadion einen Nachnutzen hat, ist unstrittig. Eine zweite Skisprungschanze oder eine temporäre Biathlonanlage haben das nicht. Ich kann einmal im Jahr Skispringen, aber ich kann 50 Mal im Jahr im Stadion Fußball spielen.<br /><br />FOCUS Online: In der Öffentlichkeit scheint „Nolympia“ derzeit Ihr einziges Thema zu sein. Treten Sie zurück als Grünen-Chef, wenn Olympia in Garmisch stattfindet?<br /><br />Janecek: Der Eindruck täuscht, was damit zu tun hat, dass das Thema eine hohe mittlerweile ja auch bundesweite öffentliche Aufmerksamkeit genießt. Aber es ist bei weitem nicht so, dass ich mich darauf reduziere. Ich bin in ganz Bayern von Aschaffenburg bis Passau vielfältig engagiert mit den verschiedensten Themen wie familienfreundlichen Arbeitsstrukturen bis hin zu Grundsatzfragen von Wachstumskritik und grüner Wirtschaftspolitik.<br /><br />FOCUS Online: Wo sollten die Spiele denn Ihrer Meinung nach stattfinden, wenn nicht in Garmisch?<br /><br />Janecek: Ich bin mit Reinhold Messner einer Meinung, dass sich künftig die Austragung Olympischer Winterspiele auf wenige vorhandene Standorte im Wechsel konzentrieren sollte. Wir brauchen keinen zusätzlichen umweltschädlichen Ausbau alpiner Infrastruktur mehr. Die Alpenregion ist bereits bedrohlich übernutzt. Mit Schneekanonen gegen den Klimawandel – das ist nicht meine Vorstellung von modernem Tourismus. Wenn Olympische Winterspiele überhaupt eine Zukunft haben wollen, müssen sie sich den Bedingungen vor Ort anpassen, nicht umgekehrt.<br /><br />FOCUS Online: Werden Sie dann 2018 bei der Eröffnungsfeier dabei sein?<br /><br />Janecek: Sollte uns das Los wirklich ereilen, definitiv nicht. Ich würde in keiner Weise an diesen Spielen teilnehmen. Denn ich bin überzeugt, dass 2019 der Katzenjammer dann groß wäre.










