Roth und Janecek: Offener Brief wegen Sarrazin-Einladung
In einem offenen Brief an die Evangelische Akademie Tutzing kritisieren die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Claudia Roth und der bayerische Landesvorsitzende Dieter Janecek die Einladung von Thilo Sarrazin zu einer Tagung des Politischen Clubs.
Dort soll vom 18. bis zum 20. März unter dem Titel "Gehört der Islam zu Deutschland?" diskutiert werden. Roth und Janecek äußern in dem Brief an den Direktor der Akademie Friedemann Greiner und den Leiter des Politischen Clubs Hans Eichel ihr Unverständnis über die Einladung des umstrittenen Autors. Die Evangelische Akademie in Tutzing sei eine hoch angesehene Institution, die mit der Einladung eines Demagogen wie Sarrazin, der Stimmungen gegen Minderheiten schüre, dies aber als aufklärerische Leistung verbräme, ihre guten Ruf aufs Spiel setzen würde. Der Protest gegen die Einladung Sarrazins zieht derweil weitere Kreise. Die Münchner Soziologie Prof. Dr. Paul-Irene Villa hat mit dem Hinweis auf den Auftritt Sarrazins ihre Teilnahme als Referentin bei einem Seminar der Akademie abgesagt. Eine Veranstaltung mit Sarrazin auf Einladung einer Evangelischen Kirchengemeinde in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) wurde nach massiven Protesten gestoppt.
Dazu auch ein Kommentar von Dieter Janecek in seinem Blog
Nachfolgend der Wortlaut des Briefes:
Sehr geehrter Herr Dr. Greiner, Sehr geehrter Herr Eichel,
erstaunt und besorgt erfuhren wir von der Einladung an Thilo Sarrazin, bei einer Tagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing unter dem Titel "Gehört der Islam zu Deutschland?" aufzutreten. Die Evangelische Akademie Tutzing gehört nicht nur für uns zu den herausragenden Orten eines dialogischen und auf Verständigung setzenden Diskurses in unserem Land. Das Motto "Protestantisch denken – ein Bekenntnis zur Toleranz und Weltoffenheit" war in unserer Wahrnehmung nie bloß vordergründiger Anspruch, sondern in der Arbeit der Akademie praktisch gelebte, intellektuelle Wirklichkeit. Herr Sarrazin vertritt das genaue Gegenteil dieser Haltung. Er ist Populist und schürt Stimmung gegen Minderheiten, auch wenn er das als befreienden Tabubruch und besondere aufklärerische Leistung verbrämen mag.
Die Frage, wie Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland am besten gelingt, ist selbstverständlich eine wichtige Frage. Vor allem anderen geht es dabei um eine gesamtgesellschaftliche und sozialpolitische Aufgabe: Gerechte Bildungschancen, Zugang zum Arbeitsmarkt, politische Teilhabe, gute Deutschkenntnisse und die Akzeptanz unserer Rechtsordnung sind die Bausteine einer gelingenden Integration. Die "Einbürgerung des Islam" und natürlich die Integration von Musliminnen und Muslimen in Deutschland muss ein gemeinsames Ziel aller demokratisch denkender Menschen in Deutschland sein.
Herr Sarrazin hat mit seiner jüngsten und zurecht hoch umstrittenen Publikation "Deutschland schafft sich ab" keinen seriösen Beitrag zur Meinungsbildung vorgelegt, sondern schlicht ein demagogisches Machwerk, in dem er seiner islamfeindlichen Haltung mit sehr fragwürdigen Methoden den Anschein wissenschaftlicher Stichhaltigkeit zu geben versucht. Herrn Sarrazin geht es nicht um die Debatte, wie Integration am besten zu bewerkstelligen ist. Er hat nicht das Ziel, Toleranz und Weltoffenheit zu stärken. Ihm geht es um Ausgrenzung, er bestärkt Ressentiments und vertritt dabei auch Positionen, die man durchaus als rassistisch bezeichnen kann.
Vor diesem Hintergrund können wir die Einladung von Herrn Sarrazin in Ihre hoch angesehene Institution nicht nachvollziehen. Zumal ein Auftritt Sarrazins ja nicht nur der Akademie Tutzing schweren Schaden zufügt, sondern auch dazu beiträgt, einen Demagogen mit Hilfe und auf Kosten des guten Rufs der Akademie salonfähig zu machen.
Mit großem Interesse daran, das gemeinsame Engagement gegen Rassismus und rassistische Bestrebungen auf der Basis der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit Nachdruck weiter zu führen verbleiben wir -
Mit freundlichen Grüßen
Claudia Roth (Bundesvorsitzende)
Dieter Janecek (Landesvorsitzender)












